Jeanine’s story

Jeanine Gisler*:

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KEINE SEKUNDE HATTE
ICH AN SO ETWAS GEDACHT!

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Jeanine Gisler ist gerade dabei, den Umzug ihrer Wohnung zu organisieren. Trotzdem nimmt sie sich Zeit für unser Gespräch. Ihre Erscheinung lässt mich völlig vergessen, dass sie auch Patientin ist.

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Jeanine Gisler, 57 Jahre alt, Marketing Assistentin

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«Ich hatte sehr lange Rückenschmerzen», erzählt Jeanine Gisler. «Mein Partner fand, dass das nicht mehr normal sei. Mit den vom Hausarzt verordneten
Schmerzmitteln wurde es manchmal ein wenig besser. So wartete ich zu.» Schliesslich veranlasste der Hausarzt eine umfassende Abklärung. «Er sagte mir danach,
dass ich Eiweiss im Urin und im Blut hätte. Ich kam gar nicht auf die Idee zu fragen, was das bedeutet. Keine Sekunde hatte ich an so etwas gedacht!»

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Jeanine

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Der Hausarzt überwies Jeanine Gisler an einen onkologischen Facharzt. Er eröffnete und erklärte ihr die Krebsdiagnose Multiples Myelom. «Ich fühlte mich im falschen
Film. Das kann doch nicht sein, dachte ich.» Schockiert wie sie war, nahm sie die Informationen nur teilweise auf und ging weiter arbeiten. Am Tag darauf telefonierte sie mit dem Onkologen wegen ihrer starken Schmerzen. «Er sagte zu mir: Frau Gisler, wir müssen sie behandeln, sie brauchen eine Chemotherapie und eine Stammzelltransplantation. Da sprach ich es selbst aus: Habe ich Krebs? Ja, bestätigte er mir. Das war sehr schlimm für mich, dieser Moment. Ich rief meinen Partner an und er holte mich ab.» Danach war Jeanine Gisler krank geschrieben. «Acht Monate später war ich wieder am Arbeiten», hält sie zufrieden fest.

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«Nach der ersten Dosis Chemotherapie dachte ich: War das alles? Nach der nächsten Dosis nahm ich aber schon Veränderungen wahr. Übel war mir zum Glück nur einmal. Ich bekam immer gute Medikamente dagegen.» Pflegefachleute standen ihr während der ganzen Behandlungszeit bei: «Speziell zwei in der Onkologiepraxis halfen mir, mich immer neu zu motivieren.»

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Einige Wochen lang hatte Jeanine Gisler das unangenehme Erleben, beim Gehen über den Boden zu schweben. Zudem überfiel sie eine ihr unbekannte Angst. «Im Auto sagte ich als Beifahrerin immer: Achtung! Achtung! Das war mir selbst peinlich, das hatte ich vorher noch nie gemacht.» Beide Nebenwirkungen sind unterdessen verschwunden.

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Jeanine Gisler hatte sich vorgenommen, während der Therapie jeden Tag einmal spazieren zu gehen. «Ich hatte eine schöne Perücke. Es war zu Beginn etwas komisch, sie anzuziehen. Sie hat mir dann sehr geholfen: Ich hätte ohne sie nicht nach draussen gehen wollen.» Jeanine Gisler spazierte fast jeden Tag, je nach Befinden unterschiedlich weit.

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«Die Stammzelltransplantation war hart. Ich ging mit der Einstellung: Du schaffst das. Meine Besucher taten mir leid. Ich war im Hochsommer in der Isolation. Solange meine Blutwerte tief waren, mussten sie immer Mundschutz und Schutzmantel tragen. In dieser Hitze!» Jeanine Gisler erinnert sich genau an den Moment, als sie das Isolierzimmer wieder verlassen durfte: «Das war wie doppelte Weihnachten!»

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Jeanine Gisler ging davon aus, dass die Behandlung nach der Stammzelltransplantation beendet wäre. Sie wusste schon damals, dass die Krankheit zurück kommen könnte. Sie hatte aber für sich einen Punkt gesetzt: «Ich habe diese Krankheit GEHABT. Punkt.» Ihr behandelnder Onkologe empfahl ihr eine Anschluss-Chemotherapie. «Als ich das hörte, wäre ich fast vom Stuhl gekippt. JETZT IST FERTIG! rief es in mir.» Jeanine Gisler vertraut ihrem Onkologen. «Wenn er das zu meiner Sicherheit empfiehlt, dann mach ich das auch.» Sie fand sich aber trotzdem in einem Loch wieder und musste sich neu Mut zusprechen: «Jetzt halt. Ich habe die Stammzelltransplantation geschafft, dann schaff ich das auch noch.» Einige Wochen später, einen Tag nach der letzten Dosis Chemotherapie, reiste Jeanine Gisler mit ihrem Partner in die Ferien: «Wir hatten es sehr, sehr schön!»

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Einige Zeit später bemerkte Jeanine Gisler, dass sie dünnhäutig geworden war. «Wenn mich jemand komisch anschaute oder etwas an mir kritisierte, musste ich sofort
weinen. Ein Pflanzenpräparat half mir in dieser Zeit und jetzt ist alles wieder gut.»

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Jeanine Gisler ist dankbar für die Unterstützung ihrer Angehörigen. Ihr Ex-Mann war schockiert. Sie sind als Eltern von zwei erwachsenen Töchter erleichtert, dass das
Multiple Myelom keine Erbkrankheit ist.

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Der Arbeitgeber einer der Töchter ermöglichte flexible Arbeitszeitplanung. So konnte sie Jeanine Gisler zu den ambulanten Chemotherapie-Terminen begleiten. «Ich wüsste nicht, wie ich das alleine durchgestanden hätte.»

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Lächelnd fährt sie fort: «Gerade als ich zur Stammzellentnahme im Universitätsspital lag, telefonierte die andere Tochter und sagte: Mami, ich bin schwanger! Das hat mich so gefreut. Das gab mir unglaublich viel Kraft!»

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«Für meinen Partner war das alles auch nicht einfach.» Jeanine Gisler seufzt. «Wir sind begeisterte Tänzer. Tanzen war dann fast ein Jahr lang nicht mehr möglich.» Ihr Partner war in grosser Sorge um Jeanine Gisler. «Wir halfen uns gegenseitig durch die harte Therapie.»

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«Ausser meinem Ex-Mann, unseren Töchtern und meinem Partner erzählte ich niemandem von meiner Krankheit. Ich konnte das einfach nicht.» Jeanine Gisler war nicht etwa verstummt, sie führte damals intensiv Tagebuch. Nach der Stammzelltransplantation begann sie dann, Nachbarinnen und enge Freundinnen zu informieren.

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Als ich Jeanine Gisler frage, was sie Neubetroffenen empfehle, überlegt sie eine Weile. «Positiv bleiben», antwortet sie dann.

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Jeanine
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“ICH SAGTE MIR IMMER:
DU SCHAFFST DAS.”

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Jeanine Gisler ist sich bewusst, dass sie zwei Mal Glück hatte: «Vor zehn Jahren gab es diese Medikamente noch nicht. Und ich habe auf die Medikamente gut angesprochen. Mein Blutbild sieht aktuell so aus, wie wenn ich nie krank gewesen wäre!» Ebenfalls findet sie: «Jeder muss herausfinden, was für ihn stimmt. So, wie ich lange mit keinem Aussenstehendem über meine Krankheit gesprochen hatte. Da gibt es kein Rezept.»Jeanine Gisler freut sich, dass sie es geschafft hat: Sie und ihr Partner tanzen wieder jede Woche. «Gerade letzthin erhielten wir an einem Fest Komplimente dafür.»

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*To preserve the wish of anonymity of the people, the name and picture have been changed

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Adapted from the brochure "Multiple myeloma: Life with the disease” from the patient advocacy group "Myelom Kontaktgruppe Schweiz", 
MKgS: www.multiples-myelom.ch. Download the PDF here.